37 Jahre lang wirkte Gerhard Cassens für die Volkshochschule.
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37 Jahre lang wirkte Gerhard Cassens für die Volkshochschule. 20.06.2018

Nun geht der Chef in den Ruhestand.

Landeszeitung am 30.05.2018
Von Rainer Schubert

Neue Wege in der Bildung ziehen sich wie ein roter Faden durch das Leben von Gerhard Cassens. Er wurde 1953 in Timmel, einem Dorf im ostfriesischen Kreis Aurich geboren, seine Eltern betrieben Landwirtschaft, die er als ältester Sohn der Tradition nach hätte übernehmen sollen. Doch in einer Zeit, in der die Sowjetunion das Weltall eroberte und in Deutschland von einer „Bildungskatastrophe“ die Rede war, ermöglichten ihm die Eltern, das Abitur in Aurich zu machen und Soziologie in Bielefeld zu studieren. Nach kurzen Tätigkeiten an der dortigen Uni und bei einer gewerkschaftlichen Bildungseinrichtung fing er 1980 im Jugendamt der Stadt Lüneburg an – in einer Stadt, die er liebt und in seinen Schulferien immer wieder besucht hatte, da seine Tante eine Pension in St. Dionys betrieb. Im April 1981 wechselte er dann als pädagogischer Mitarbeiter an die Volkshochschule, wurde 1993 stellvertretender VHS-Leiter und ist seit Januar 1997 deren Leiter. Am 19. Juni wird der 65-Jährige, der die VHS vom Anbieter eines klassischen VHS-Bereichs zum modernen Dienstleister maßgeblich mitentwickelte, in den Ruhestand verabschiedet.

Die LZ sprach mit ihm.

Welche Ausrichtung hatte die VHS, als Sie in den 80er-Jahren anfingen? 
Gerhard Cassens: Es gab damals rund 20 000 Unterrichtsstunden, heute sind es etwa 87 500. Es gab den traditionellen VHSBereich vor allem mit Sprachen und kultureller Bildung. Das Angebot hatte aber auch schon eine sozialpädagogische Prägung aus den 70ern, aufgebaut von Jochen Motschmann und dem damaligen Leiter Dr. Klaus Wedekind. Es richtete sich an Bildungsbenachteiligte wie Analphabeten, Obdachlose oder Flüchtlinge, damals waren es die Boat People aus Vietnam. Schon damals boten wir Schulabschlüsse an. Unser Ansatz war: Bildung hat immer mit Aufklärung zu tun, schon in der Weimarer Republik war klar: Bildung und Demokratie hängen zusammen. Volkshochschulen sollten diese Aufgaben übernehmen, die ersten wurden 1919 gegründet. Und in den 60er-Jahren hieß es: Wir brauchen mündige Bürger. Schon früh machten Sie sich stark für eine Altenpflegeschule. Ich war zuständig für die berufliche Bildung. Es gab in den 80ern nur Krankenschwestern. Aber das Altsein bedeutet nicht krank zu sein. Eine Altenpflege ist eine Beziehungspflege – und dafür brauchten wir Fachkfräfte. Der Gedanke drängte sich auf: Wir müssen Altenpfleger ausbilden, die VHS bot schon 1987 die ersten Lehrgänge an. Und nach langen Diskussionen konnte 1990 in Lüneburg eine eigene staatlich anerkannte Ersatzschule gegründet werden – eine richtige Entscheidung, denn schon in den 90ern gab es einen Boom bei der Nachfrage nach Fachkräften.

Warum folgten in den 90er-Jahren starke strukturelle Änderungen in der VHS? 
Bis dahin finanzierten wir uns über das niedersächsische Erwachsenenbildungsgesetz, die Kommune und Teilnehmerbeiträge. Doch nach und nach gab es Geld vom Bund, auch aus dem Sozialministerium des Landes und von der EU für Weiterbildungen, beispielsweise im arbeitsmarktpolitischen Bereich – das aber floss nicht an die Volkshochschulen. Wir erarbeiteten mit unserem Landesverband neue Konzepte, führten das Rechnungswesen und ein völlig neues Qualitätsmanagement ein und konnten uns erfolgreich um Drittmittel bewerben. Wir waren kein staatlicher Träger mehr, sondern ein gesellschaftlicher. Das zeigten wir 2004 mit der GmbH-Gründung noch deutlicher: Wir sind keine Verwaltungseinheit, sondern eine in der Kommune gestaltende Einrichtung.

Wo liegt der VHS-Schwerpunkt heute? 
Der sozialpolitische Aspekt ist noch heute eine Marke, unsere Aufgabe ist es, Menschen dabei zu unterstützen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Als die Welle der Geflüchteten einsetzte, musste alles sehr schnell gehen. Der Bund kümmerte sich um Integrationskurse, wir wünschten uns aber eine Sprachbildungskette für die Geflüchteten vor Ort. Ich hatte Gespräche mit Oberbürgermeister Ulrich Mädge, der eine lokale Umsetzung befürwortete. Schließlich entschied das Land Niedersachsen, dass die Volkshochsschulen von ihm finanzierte Sprachkurse anbietet, die Integrationskurse zahlt der Bund. Seit 2015 haben etwa 2500 Geflüchtete die Sprachkurse mit Prüfungen durchlaufen, täglich sind rund 600 von ihnen im Haus. Wir haben aber auch unseren klassischen Bereich weiterentwickelt und zudem speziell auf Betriebe ausgerichtete Kurse ins Programm genommen, die individuell mit ihnen abgestimmt werden. Mit einer professionellen Organisation können wir kundenorientierte Angebote liefern. Der kommunale Zuschuss der Hansestadt und des Landkreises Lüneburg für die erfolgreich fusionierte VHS REGION Lüneburg wird für die Grundsicherung und das kostengünstige breite Kursangebot benötigt. Es gab immer wieder Diskussionen um eine räumliche Erweiterung, auch um einen Auszug aus dem Gebäude Haagestraße 4.

Wie sieht da die Zukunft aus? 
1982 hatte die VHS an der Hindenburgstraße ein Haus vom Goethe Institut übernommen, später hatten wir Außenstellen in der Post und in der Musikschule. 2004 hatten wir das Glück, dass die Versicherungsgruppe VGH aus der Haagestraße auszog. Die VHS muss sich zentral präsentieren, mittendrin sein, leicht und kostengünstig erreichbar sein und keine Hürden haben. Von den beiden Außenstellen trennten wir uns, bekamen neue Räume in Nachbargebäuden und an der Kalandstraße. Und als die Flüchtlingswelle kam, zog die Barmer, die in zwei Etagen an der Haagestraße 4 untergebracht war, aus – das passte. Die VHS wird auch weiter zentral präsent sein, gerade erst wurde der Mietvertrag für das Hauptgebäude um zehn Jahre verlängert. Für die Nachbargebäude gibt es flexible Vertragsregelungen.

Wie sehen Sie die Zukunft der VHS? 
Sie wird weiter stark in der Gesundheits- und kulturellen Bildung, im Sprachenbereich, den Schulabschlüssen und in der beruflichen Bildung liegen. Mit rückläufigen Flüchtlingszahlen werden allerdings auch die Unterrichtsstunden und die Finanzen auf ein Normalmaß zurückgehen. Und trotz der Digitalisierung des Lernens wird die Volkshochschule REGION Lüneburg das bleiben, was sie immer war: ein Ort der Begegnung und des Dialogs. Ich bin sehr dankbar, dass ich den Spielraum hatte, Organisationsformen zu entwickeln und Strukturen zu verändern und durch immer neue Bildungsangebote die Gesellschaft mitgestalten konnte. Mein Dank geht an die vielen, vielen Menschen, die hauptberuflich in der VHS oder als Kursleitende diesen Weg mitgegangen sind, an die vielen Kooperationspartner und an die Politik, die den Rahmen dafür geschaffen hat.

Und wie sieht Ihre persönliche Zukunft im Ruhestand aus? 
Ich werde weiterhin die VHS wohlwollend beobachten. Ich bin mir sicher, dass meine Nachfolger Inhalte und notwendige Veränderungen dynamisch aufgreifen werden. An der Leuphana Universität werde ich einen Lehrauftrag annehmen, im Bereich demokratische Beteiligung. Nun habe ich mehr Zeit für mein Hobby, das Segeln. Und beim Salzewer- Projekt beteilige ich mich praktisch. Ich lebe weiter in Lüneburg, werde 2019 hier in ein generationsübergreifendes Wohnprojekt umziehen.


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